Die Chronik des Notariat Bergstraße

Die Chronik des Notariats Bergstraße

Das Notariat Bergstraße gehört zu den ältesten Notariaten der neuen Notariatsgeschichte. Das Notariat moderner Prägung beginnt nach Auflösung des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation (1806) mit Einführung eines neuen Notariatswesens in Hamburg unter napoleonischer Herrschaft (1810). Hierzu war es nötig, die Notare neu zu ernennen und zu vereidigen.

Zu den ersten 15 Notaren, die daraufhin 1811 in Hamburg ernannt wurden, gehörte Meyer Israel Bresselau, dessen Nachfolge im Amt 1839 Gabriel Riesser antrat. Riesser war eine weit über Hamburg hinausragende Persönlichkeit, die auch politisch tätig und 1848 Vizepräsident der Nationalversammlung in Frankfurt und später Vizepräsident der Hamburgischen Bürgerschaft wurde. Beim Bau des neuen Rathauses in Hamburg wurde Riesser dadurch geehrt, dass an einer der in der Rathausdiele befindlichen Säulen sein Portrait in einem Medaillon in Sandstein aufgebracht wurde.

Ihm folgte als Notar im Jahre 1858 Dr. Ferdinand Gobert mit Kanzleiräumen in der Schauenburger Straße 44, der durch seine anschließende Assoziierung mit dem Notar Dr. Rudolf Martin im Jahre 1860 der Gründungsvater unserer Sozietät wurde. Das Jahr 1858 markiert damit die Geburtsstunde unserer Sozietät!

Dr. Martin blieb nur bis 1864 im Amt, wechselte in den Richterdienst und wurde schließlich 1898 Senatspräsident am Hamburgischen Oberlandesgericht.

Mit dem Ausscheiden von Dr. Rudolf Martin nahm Dr. Gobert 1864 den Notar Dr. Heinrich Ludwig Wilhelm Asher als Sozius auf. Im Jahre 1892 trat Dr. David Friedrich Weber, der bis dahin Rechtsanwalt gewesen war, als Juniorpartner in die Praxis ein. Als um die Jahrhundertwende Dr. Asher aus der Sozietät ausschied, nahmen Dr. Gobert und Dr. Weber als weiteren Partner den Notar Dr. Wilhelm Götze in ihre Sozietät auf. Nach nur kurzer Notarstätigkeit wechselte dieser in die Anwaltschaft zurück. Dr. Gobert und Dr. Weber fanden sogleich in Dr. Gottfried Wäntig einen neuen Partner, der 1901 zum Notar ernannt wurde und die Sozietät ein halbes Jahrhundert durch seine herausragenden Fähigkeiten prägen sollte.

Nach dem Tode von Dr. Gobert mußten sich Dr. Weber und Dr. Wäntig unverzüglich nach einem neuen Partner umsehen und fanden bald in der Person des mit notariellen Angelegenheiten bereits vertrauten Assessors Dr. Moritz Otto Kauffmann geeignete Unterstützung. Die drei Notare führten ihre Praxis zunächst noch in den äußerst kleinen und unzureichenden Räumen in der Börsenbrücke 2 a / Ecke Große Johannisstraße fort, die die Sozietät bereits seit vielen Jahren nutzte. Als das Gebäude abgerissen werden sollte, zog man vorübergehend in die Große Bäckerstraße / Ecke Börsenbrücke. Da auch diese Räume sich bald als zu klein erwiesen, verlegte man die Praxis im Jahre 1910 schließlich in das Kontorhaus Adolphsbrücke 2-4, Ecke Adolphsplatz, gegenüber der Börse.

Die Notariate lagen seinerzeit sämtlich in der Nähe zur Börse. Jedes Notariat hatte dort seinen eigenen Stand, an denen die einzelnen Notare von Börsenbesuchern für Unterschriftsbeglaubigungen aufgesucht wurden. Die Hausmakler kamen mit ihren Kunden vorbei und überreichten dem Notar die für das Grundbuchamt bestimmten Urkunden.

Im Jahre 1912 erlitt Dr. Weber, ein leidenschaftlicher Reiter, auf einer Hubertusjagd einen schweren Sturz und verstarb kurz darauf an dessen Folgen. Die Praxis war mittlerweile so groß geworden, dass man sich schnell nach einem kompetenten Ersatz umsehen musste. Der Landrichter Dr. Gustav Adolf Ulrich Sieveking genoss in Juristenkreisen einen hervorragenden Ruf, so dass es nicht verwundert, daß die Justizverwaltung ihn nur schweren Herzens aus dem Richterdienst entließ. Mit seiner Ernennung zum hamburgischen Notar im Jahre 1913 waren die Sozien wieder zu dritt.

Nach Ausbruch des ersten Weltkriegs ging die Praxis ganz außerordentlich zurück und war von 1915 bis 1918, nachdem alle drei Notare und die männlichen Angestellten zum Heeresdienst eingezogen worden waren, verwaist.

Als Dr. Wäntig, Dr. Kauffmann und Dr. U. Sieveking nach Kriegsende ihre Praxis wieder aufnehmen konnten, lebte diese rasch wieder auf. Bereits 1925 konnte deshalb ein weiterer Sozius aufgenommen werden, Dr. Hermann Rebattu. Mit ihm erhielt die Motorisierung Einzug in das Notariat. Solange es noch keine Kraftfahrzeuge gab, benutzten die Notare für ihre Wechselproteste und sonstigen Berufsfahrten im Winter einspännige Coupees und im Sommer einspännige Taxameter. Es hing ganz von der Tüchtigkeit der Kutscher, der Rüstigkeit der Pferde und der Brauchbarkeit der Wagen ab, wie lange man für die einzelnen Wegstrecken benötigte. Der erste Sozius, der zur Motorisierung überging, war Dr. Rebattu. Er schaffte sich ein Motorrad an, mit dem er Berufsfahrten erledigte und gelegentlich auch mal einen seiner Sozien den Jungfernstieg hochfuhr, was bei diesen und den Angestellten nicht ohne Eindruck blieb. Es dauerte nicht lange, bis die Sozietät über ein Auto verfügte und einen Kraftfahrer beschäftigte.

Als das Kontorhaus Adolphsbrücke 2–4 an eine Bank verkauft wurde und diese die Räumlichkeiten selbst benötigte, musste sich die Sozietät nach neuen Kanzleiräumen umsehen. Als besonders geeignet erwiesen sich Büroräume in der Bergstraße, die von vielen Kaufleuten auf ihrem Weg vom Freihafen zur Börse täglich passiert wurde. Und so zog die Sozietät am 1. Juli 1928 in das Kaufmannshaus Bergstraße Nr. 11 – die Sozietät erhielt ihren heutigen Namen und begründete die Hamburgensie, große Innenstadtnotariate nach dem Straßennamen zu bezeichnen.

Die Herrschaft der Nationalsozialisten mit ihrer Ideologie traf die Sozietät wie ein Schlag. Im Jahre 1935 wurde Dr. Kauffmann aufgrund der NS-Rassegesetzgebung aus dem Amt als Notar entfernt. Er konnte seinen Aufenthalt in den Niederlanden nehmen und dort getrennt von der Familie bis zum Zusammenbruch des Dritten Reiches verbleiben. 1945 zurückgekehrt nach Hamburg nahm er seine Tätigkeit in der Sozietät wieder auf.

Im Jahre 1936 trat Dr. Wolf Harm, der bis dahin Amtsgerichtsrat gewesen war, der Sozietät bei. Als bei der Schaffung Groß-Hamburgs ein Teil des zum Landgerichtsbezirk Altona gehörenden Gebietes Hamburg zugeschlagen wurde, verlangte die Justizverwaltung die Aufnahme eines Altonaer Anwaltsnotars - Dr. Heinrich Baur trat der Sozietät bei. Im Jahre 1942 verstarb Dr. Rebattu.

Der zweite Weltkrieg beutelte die Sozietät schwer. Beim großen Fliegerangriff 1943 brannte das Büro in der Bergstraße 11 mitsamt den Akten, Möbeln und sonstigem Inventar vollständig aus. Glücklicherweise hatten die Notare vorausschauend fast alle Urkunden zuvor in das Staatsarchiv ausgelagert oder in ihre Privatwohnungen verbracht, so dass mit wenigen Ausnahmen alle Urkunden in Urschrift oder zumindest beglaubigter Abschrift gerettet werden konnten. Provisorisch konnten die Notare in den Räumen eines befreundeten Rechtsanwalts am Jungfernstieg 25 unterkommen, dessen Sozien sich im Krieg befanden. Für die Stenotypistinnen stellte die nebenan gelegene Dresdner Bank vorübergehend Räumlichkeiten zur Verfügung. So konnte, zum Teil nur mit Decken vor den zerborstenen Scheiben, der Praxisbetrieb aufrechterhalten werden. Nach Ende des Krieges bezogen die Notare ihre alten wiederhergerichteten Räume in der Bergstraße 11 – das Notariat Bergstraße war zurück!

Nachdem die Praxis sich nach Ende des Krieges schnell wieder erholt hatte, erlebte die Sozietät 1952 einen weiteren Verlust. Ganz plötzlich erlag Dr. Ulrich Sieveking einem Herzschlag, nachdem er am Vormittag noch die Hauptversammlung einer von ihm betreuten Aktiengesellschaft protokolliert hatte. Nach der Hauptversammlung war er über Mittag nach Hause gefahren und wollte anschließend wieder in das Büro kommen, um das Protokoll auszuarbeiten und zu unterschreiben. Dazu kam es jedoch nicht mehr – die Hauptversammlung wurde später wiederholt.

Als Dr. Ulrich Sieveking starb, waren Dr. Wäntig und Dr. Kauffmann beide schon über 70 Jahre alt. Um die Sozietät in jüngere Hände geben zu können, wurden 1953 Dr. Gerhard Baum und im Jahre 1955 Dr. Erwin Tiedau in die Praxis aufgenommen. Dr. Baum hatte den zweiten Weltkrieg als Offizier erlebt. Dr. Tiedau war deutlich jünger und wechselte von der Rechtsabteilung einer Versicherungsgesellschaft in das Notariat.

Das vorgerückte Lebensalter der Senioren Dres. Wäntig und Kauffmann erforderte bald eine weitere Ergänzung der Sozietät. Dr. Henning Baur wurde als jüngster Partner aufgenommen, und nach dem Ausscheiden der Herren Dres. Wäntig und Kauffmann war Dr. Heinrich Baur nunmehr der Seniorpartner. Als auch er seines Alters wegen die Absicht hegte, sich zur Ruhe zu setzen, folgte ihm im Jahre 1964 Dr. Peter Sieveking nach, während etwa zeitgleich Dr. Henning Baur in die Sozietät der Notare Dres. Crasemann, Nissen, Pinckernelle überwechselte. Die Sozietät in der Bergstraße bestand nunmehr aus Dr. Harm als Senior sowie den Herren Dres. Baum, Tiedau und Peter Sieveking.

Jene Veränderungen spielten sich in einer Epoche der Bundesrepublik ab, die durch den Wiederaufbau von Staat, Gesellschaft und Wirtschaft geprägt war. Auf das Notariat kamen, besonders infolge der intensiven Bautätigkeit, aber auch durch Firmengründungen, starke Belastungen und vielfältige neue Aufgaben zu. Deshalb strebte die Sozietät nach zahlenmäßiger Vergrößerung.

Im Jahre 1968 trat als jüngster Sozius Dr. Arnold Sieveking, bis dahin Rechtsanwalt, in die Sozietät ein, und als sich in den Folgejahren angesichts des Volumens des zu bewältigenden Arbeitsaufkommens die Notwendigkeit ergab, einen weiteren Sozius aufzunehmen, folgte im Jahre 1976 als weiterer Partner Dr. Paul-Joachim von Wissel.

Die nunmehr sechsköpfige Sozietät bestand in dieser Zusammensetzung über etwa 15 Jahre fort, bis im Jahre 1990 Dr. Harm nach 54-jähriger Sozietätszugehörigkeit altersbedingt ausschied. In den Ruhestand folgte ihm 1992 in seinem 80sten Lebensjahr Dr. Baum. Beide Herren hatten das Notariat seit der Nachkriegszeit maßgeblich geprägt. Im selben Jahr 1992 wechselte Dr. Axel Pfeifer vom Max-Planck-Institut in die Bergstraße. Vom Sievekingplatz kam im Jahre 1996 Dr. Til Bräutigam, der bis dahin Richter war.

Als im Jahre 2000 aus Altersgründen die Herren Dres. Tiedau und Peter Sieveking in den Ruhestand traten, folgte als weiterer Sozius Dr. Jan Christoph Wolters, der als Rechtsanwalt aus einer großen Hamburger Wirtschaftskanzlei in das Notaramt wechselte.

Im Jahr 2004 wurde Dr. Johannes Beil mit seiner Bestellung Notariatsverwalter für das Amt des ausgeschiedenen Notars Dr. John-H. Plate in die Sozietät aufgenommen. Herr Dr. Plate hatte über 30 Jahre als Einzelnotar das Notariat Jungfernstieg am Jungfernstieg 51 (Prien-Haus) geführt. Im Jahr 2006 wurde Herr Dr. Beil zum Notar bestellt. Im gleichen Jahr schied Herr Dr. Arnold Sieveking mit Erreichen der gesetzlichen Altersgrenze für Notare aus dem Notaramt und damit auch der Sozietät aus.

Mitte 2013 erreichte auch Herr Dr. Paul-Joachim v. Wissel die Altersgrenze und schied damit kraft Gesetzes aus dem Notaramt und der Sozietät aus. Seine Urkunden und Akten werden von Dr. Til Bräutigam verwahrt. Im Jahr 2014 wurde Dr. Thomas Diehn, der bereits 2011 in Bayern zum Notar auf Lebenszeit bestellt worden und als Geschäftsführer der Bundesnotarkammer tätig war, als jüngster Partner in die damit wieder vervollständigte 5er-Sozietät aufgenommen.

Alle Sozien haben sich stets auch der Standesarbeit verpflichtet gefühlt. Dr. Wolf Harm war viele Jahre Mitglied des Kammervorstandes, Dr. Arnold Sieveking Mitglied des Präsidiums der Bundesnotarkammer und 12 Jahre Präsident der Hamburgischen Notarkammer, Dr. Axel Pfeifer gehört gegenwärtig dem Kammervorstand als Vizepräsident an.

Die Tradition der Sozietät ist wesentlich mit dem Namen Dr. Wäntig verbunden, der zu einer Zeit als der Notar weniger in der Rolle eines Rechtsberaters und mehr in der des siegelführenden Exekutors gesehen wurde, größten Wert auf juristische Präzision und eigenverantwortliche rechtliche Begleitung der Klienten legte. Diesen Geist haben seine Partner und Nachfolger an die jetzt aktiven Sozien weitergegeben.